Warum meinen Veganer…? Ein Plädoyer für mehr Glaubwürdigkeit

Seit ich von den Vorteilen einer veganen Ernährungsweise überzeugt worden bin, tummele ich mich bekanntlich gerne in veganen Blogs, auf entsprechenden Internetseiten und lese besonders aufmerksam Zeitschriftenartikel, die sich zufälligerweise dem Thema widmen.

Dabei fällt mir eine Sache sehr stark auf. Wenn man all dem, was dort geschrieben steht, Glauben schenken soll, dann sind Veganer die ernährungstechnisch gesehen glücklichsten Menschen auf dieser Welt.  Ich unterschreibe, dass eine vegane Ernährungform in den meisten Fälllen ethischer und umweltfreundlicher ist als jede andere Form der Ernährung (ausgenommen Frutarismus).  Ebenfalls stimme ich zu, dass veganes Essen viel vielfältiger und leckerer ist man als Außenstehender so zu glauben meint.

Allerdings stößt mir auf, dass die meisten Veganer aus scheinbar prinzipiellen Gründen nicht eingestehen können, dass Veganismus nicht nur Glück und Frieden bringt, sondern dass dazu auch ein ganzes Stück Verzicht gehört. Ja, die Auswahl an veganen Ersatzprodukten ist in den letzten Jahren explodiert und es gibt eigentlich nichts, was nicht auch in irgendeiner Form als vegan angeboten wird. Aber warum meinen Veganer immer behaupten zu müssen, dass diese Ersatzprodukte grundsätzlich mindestens so gut oder sogar noch viel leckerer als das tierische Original sind?

Das nervt einfach und ist in meinen Augen unglaubwürdig – schließlich weiß ich ja aus eigener Erfahrung, wovon hier die Rede ist. Einige Ersatzprodukte kommen sehr nah an das Original dran (z.B. Wheaty Kassler-Bratling, Gyros) – andere schmecken anders, aber auch gut (z.B. Tofu Bolognese, Thüringer Bratwurst), noch andere schmecken bestenfalls (!) nach gar nichts (z.B. veganer Schnittkäse) und dann gibt es Ersatzprodukte, die einfach nur das allerletzte sind (z.B. vegane Salami von Wheaty und die allermeisten veganen Käsesorten). Der eine mag vielleicht das eine Produkt besser finden als der andere, aber ich meine schlussendlich sollte es doch einleuchtend sein, dass diese teils in aufwendigen Produktionsverfahren hergestellten Imitate nicht alle per se besser sein können als das Original?!

Ein anderes Thema ist die Gesundheit. Heutzutage ist gottseidank auch schon zu den meisten Ernährungsberatern und Medizinern durchgedrungen, dass die vegane Ernährung doch nicht so ungesund ist wie es noch vor einigen Jahren behauptet wurde. Ja, mittlerweile wird selbst in Apothekenzeitschriften die vegane Küche als gute Alternative angepriesen (wer hätte das gedacht… ich nicht!). Diese Entwicklung finde ich sehr erfreulich, denn es war einfach falsch, etwas zu verurteilen, von dem man nichts Genaues wusste. Ich bin mir sicher: eine vegane Ernährung kann, wenn man sich an gewisse Regeln hält, durchaus gesund sein. Aber wieso betonen Veganer außerdem ständig, dass sie seit dem Übertritt zum Veganismus in einen gesundheitlichen Fitness- und Jungbrunnen gefallen seien? Da ist die Rede von babyhafter Pfirsichhaut, großen Energieschüben, gigantischem Muskelaufbau, verschwundenden Krankheiten, voluminöserem Haar etc. Ich kann leider nicht nachfühlen, was jeder einzelne erlebt, aber anhand meiner eigenen Erfahrung kann ich derartige „Wunder“ nicht bezeugen. Ich glaube zwar, dass  einige Allergien durch den Verzicht auf Milchprodukte gemildert werden können, aber zumindest die Sache mit der Haut halte ich für einen großen Mythos. Dazu habe ich einfach schon zu viele Veganer mit schlechter Haut und viel zu viele Fleischgroßkonsumenten mit guter Haut gesehen… Ganz davon abgesehen habe ich bemerkt, dass ich persönlich viele leckere exotische Lebensmittel schlichtweg nicht vertrage, obwohl ich sie geschmacklich gut oder zumindest interessant finde.

Linsensalat (Small)Linsensalat – wirklich gut und ohne vollkommen ohne Ersatzprodukte.
Leider aber für mich eher schlecht bekömmlich…

Eine weitere Sache, die mich stört, ist, dass viele Veganer verkünden, es sei mittlerweile überhaupt nicht mehr schwer, sich konsequent vegan zu ernähren. Ja, so lange man zu Hause is(s)t oder zumindest dort, wo man sich sehr gut auskennt, trifft das  wunderbar zu. In meiner Wohnung gibt es eigentlich nur veganes Essen und ich vermisse kaum etwas, da ich meine schönen Rezepte habe und genau planen kann. Aber unterwegs… oh je. Scheinbar treiben die begeisterten vegan-Kollegen sich nur in Veggie-Metropolen und Großstädten herum. Oder sie haben ein eigenartiges Vergnügen daran, vor jeder Fahrt irgendwohin in akribischer Kleinarbeit Restaurantspeisekarten im Internet zu studieren, Geschäftsverzeichnisse zu durchwühlen und penibel zu planen, wann und wo sie was essen werden.  Oder sie lieben es stundenlang in der Küche zu stehen und sich für mehrere Tage Proviant zuzubereiten. Ich gehöre zu keiner dieser Spezies. Ich mag ländliche Umgebung, ich mag kleinere Orte, ich hasse es zu viel zu planen und wenn ich Hunger habe, dann habe ich Hunger und will am liebsten sofort mein Gelüst stillen, da es ansonsten mit meiner Energiekurve rapide bergab geht. Und in genau diesen Situationen, wenn ich vor Heißhunger implodierend vor den schönsten Bäckereien, Cafés und Restaurants stehe, finde ich es so unglaublich schwierig, standhaft zu bleiben. Auf Fleisch kann ich problemlos verzichten… aber auch auf ein Eis, ein Stück Kuchen, Waffeln, eine Pizza…? Ach, ich kann es den anderen Veganern einfach nicht glauben, dass ihnen nicht das Wasser im Mund zusammenläuft. Diese behaupten zwar, dass man ja auch immer und überall etwas Veganes bekommt und das alles (Überraschung, Überraschung 🙄 ) ja sowieso viel besser schmeckt als das vormals begehrte fettige, ungesunde, ekelige tierische Qualprodukt. Aber mal ehrlich… ich habe das oft genug getestet, Zitronentee getrunken statt Kuchen gegessen, trockene Brötchen statt duftende Croissans gekauft, Pizza ohne Käse bestellt. Ja, natürlich geht das und ja, natürlich ist das die ethisch beste Variante – aber es fällt bisweilen verdammt schwer!*

Aber wisst ihr was: Ich finde das ganz in Ordnung so. Sich vegan zu ernähren, darf ab und zu ruhig ein bisschen Verzicht und Selbstbeherrschung bedeuten. Denn schließlich ernähren wir uns ja nicht so, weil wir in Genüssen schwelgen möchten, sondern in den meisten Fällen doch, weil wir glauben, dass diese Form der Ernährung die Welt ein kleines Stückchen besser macht.

* und deshalb werde ich bei manchen Dingen auch gelegentlich mal schwach…
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