Alles gut?!

Wisst ihr wann es angefangen hat? Ich nicht, aber es ist definitiv erst wenige Jahre alt – das „Alles gut“-Phänomen, das sich gefühlt immer mehr ausbreitet. „Alles gut“ finde ich überhaupt nicht gut.

Manchmal ist einfach gar nichts gut. Manchmal ist im nahen Umfeld jemand krank oder gerade verstorben, manchmal macht man sich um irgendetwas riesige Sorgen oder ist einfach nur mal schlecht drauf. Und dann kommen Bekannte daher und grüßen „Hallo! Alles gut?!“. Was soll man darauf schon antworten. Die Situation ist noch schlimmer als wenn jemand „Wie geht’s?“ fragt. Da kommt es zwar auch komisch, wenn man „schlecht“ antwortet, aber man kann immerhin noch halbwegs aufrichtig „Geht so“ sagen, ohne das Gegenüber allzu sehr zu verprellen. Aber bei „Alles gut?!“ gibt es nur zwei Varianten, ein gelogenes „Ja“ (das eigentlich immer gelogen ist, denn niemals ist ALLES gut) oder ein „Nein“, das den Fragenden in die Flucht verschlagen oder zumindest definitiv dazu veranlassen wird, sich niemals mehr nach deinem Wohlbefinden zu erkundigen.

Wenn der Fragende nämlich auch nur einen klitzekleines bisschen Zeit bzw. ein winziges bisschen Nerven übrig hätte, sich mit dem, was das Gegenüber bewegt, auseinanderzusetzen, würde er nicht ein „Alles gut?!“ herausschmettern, sondern eine offene Frage stellen, auf die man ausführlicher als mit einem einsilbigen Wort antworten kann. Wahrscheinlich ist „Alles gut?!“ so ein Phänomen unserer Zeit, weil seit einigen Jahren alle meinen, sie hätten keine Zeit. (Das mit der Zeit wäre allerdings einen eigenen neuen Blogbeitrag wert.)

Wenn es denn aber so ist, dass man wirklich keine Zeit hat, was ja durchaus mal vorkommen kann, warum fragt man dann überhaupt? Ich habe es mir versucht anzugewöhnen, Leute nicht mehr zu fragen, wie es ihnen geht, wenn ich gerade so überhaupt keinen Kopf für Ihre Probleme habe. Das finde ich einfach ehrlicher.

Eine andere Version von „Alles gut?!“ ist übrigens „[Nee, nee], Alles gut!“, was bevorzugt genau dann eingesetzt wird, wenn man gerade in einer richtig peinlichen Situation steckt, mit irgendwas überhaupt nicht einverstanden ist oder es einem richtig schlecht geht, man aber nicht drüber sprechen will, ergo wenn gerade offensichtlich NICHT alles gut ist. Könnte man dann aber nicht einfach sagen „Müssen wir jetzt nicht weiter diskutieren“, „Ich komme schon klar“ oder irgendetwas anderes anstatt dreist zu lügen „Alles gut!“?

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass mir auch schon ein paar Mal ein „Alles gut!“ rausgerutscht ist. Der inflationäre Gebrauch steckt irgendwie an und es ist gar nicht so einfach, sich dagegen zu wehren. Aber je bewusster man sich macht, was für eine be…scheidene Floskel das eigentlich ist, desto bewusster verzichtet man auch drauf.

Oder wie seht ihr das? Alles gut mit Alles gut?!

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4 Gedanken zu „Alles gut?!

  1. koppvonfraup

    …verdammt – ich habe deinen Artikel vorhin noch gelesen und bin mal in mich gegangen, ob/wie ich diese Floskel verwende. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich irgendwie auch verdammt oft „Alles gut“ in den unterschiedlichsten Zusammenhängen sage…aber seltenst, weil wirklich alles gut ist -___- und dann war ich beim Training und auch da (vermutlich, weil mich das echt beschäftigt hat) fiel mir auf einmal auf, wie oft das auch die anderen sagen. Der Trainer, der Trainingspartner usw. – ich glaube auch, dass viel von „Alles gut“ einfach echt nur eine Floskel, ein „Füllsatz“ oder halt eine Aussage, die man unbewusst macht ist, um damit die unterschiedlichsten Dinge zu sagen…aber meistens nicht das, wonach einem wirklich ist. Danke für den Denkanstoß…ich werde mal versuchen mich dabei zu „beobachten“, denn ehrlich gesagt finde ich das auch doof.

    Antwort
    1. Heike Autor

      (Wo ist meine Antwort von vorhin…? Na, dann also nochmal:)

      Ohh, spannend, dass du gleich so viele Beobachtungen machen konntest 😮 !

      Mir ist heute übrigens noch eine weitere verbreitete, allerdings weniger schlimme Form von „Alles gut?!“ begegnet, nämlich ein etwas besorgtes „Alles gut?“, bei der die Fragende wohl eher das Gefühl hatte, dass das Gegenteilige der Fall sein könnte 😉

      Antwort
  2. hijack

    …also ich reihe mich ein in die Riege der „alles gut?!“-Frager mit besorgtem Unterton – in der Tat dann, wenn ich weiß, dass bei der gefragten Person entweder gerade aktuell oder generell eher nicht alles gut ist. 🙂
    (Mich beruhigt gerade, dass Du die als weniger schlimm empfindest. ;))

    Und ich behaupte auch oft „alles gut“, obwohl es nicht so ist. (Zu meinem Leidwesen durchschaut mein Mann das.)

    Ich finde aber grundsätzlich nichts schlimm daran.

    Das, was Du ansprichst, fällt mir eher ganz allgemein hinsichtlich einer gewissen Oberflächlichkeit auf, die immer mehr Einzug hält. Soll heißen, ich mache das gar nicht zwingend an einer bestimmten Wortwahl fest. Gibt ja auch dieses oberflächlich geäußerte „Wie geht’s?“, obwohl es mein Gegenüber gar nicht wirklich interessiert, wie es mir geht… Wahrscheinlich ist „Alles gut“ nur die Konsequenz, die sich als Antwort auf diese desinteressierte Befindlichkeitsfrage ergeben hat. *sinnier*

    Antwort
  3. Heike Autor

    Mit der allgemeinen Oberflächlichkeit hast du sicher recht. „Alles gut“ ist für mich allerdings zu einem Symbol dafür geworden ;). „Wie geht’s?“ kann definitiv genauso oberflächlich sein, aber als Gefragter kommt man aus der Nummer – wie ich finde – meist irgendwie leichter wieder raus ohne ganz unaufrichtig zu sein. Ausgenommen das besorgte „Alles gut?“, bei dem man als Gefragter unter Umständen auch etwas weiter ausholen kann….*langsam wird’s kompliziert*…

    Interessanter Gedanke, dass „Alles gut“ als Antwort auf ein desinteressiertes „Wie geht’s?“ entstanden sein könnte…*nachdenk*

    Antwort

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