Archiv der Kategorie: gelesen / gesehen

Nader und Simin

In diesem Jahr habe ich wirklich eine Unmenge an Filmen verschlungen und sogar eine ungeahnte Liebe für Hollywoodstreifen entwickelt (ich und Hollywood…wenn mir das jemand vor 5 Jahren prophezeit hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt). Aber der richtige Kracher war irgendwie trotzdem nicht dabei gewesen. Damit meine ich solch einen Film, während dessen man sich nicht nur amüsiert, sondern der einen wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Und dann kam er doch noch. „Nader und Simin – eine Trennung“ ist der beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. Es handelt sich um ein iranisches Drama. Ich war von der 1. bis zur 118. Minute gefesselt von der Geschichte. Zum Inhalt schreibe ich bewusst nichts, aber es geht vor allem um Schuld, Wahrheit und Verantwortung. Eindeutige Antworten werden nicht gegeben, sondern der Zuschauer kann für sich überlegen, wer Schuld an der Situation ist, was die Wahrheit ist und welche Handlungsalternative am verantwortungsvollsten ist. Die Hauptpersonen repräsentieren unterschiedliche Sichtweisen und auf eine gewisse Art und Weise gibt es Argumente für jede dieser Sichtweisen.

Der Film ist supergut gemacht, total nah dran am richtigen Leben, kein bisschen übertrieben und man bekommt einen richtig interessanten Einblick in das Leben im Iran und unterschiedliche gesellschaftliche Probleme (mit anderen Worten: genau die richtige Nahrung für mein latentes Globetrotter-Gen).

Also… wenn ihr mal Lust auf etwas „Tiefsinnigeres“habt, das trotzdem fesselnd ist, dann ist „Nader und Simin“ mein Tipp 😉 .

Ich gebe dem Film

Na, wäre das war für euch? Welche Art von Filmen schaut ihr bevorzugt?

Janet Skeslien Charles: Moonlight in Odessa

Eigentlich lese ich nicht sonderlich viel. Und wenn ich lese, dann lese ich an manchen Büchern monatelang, weil sie mich nicht richtig fesseln. Deshalb ist es definitiv was Besonders, wenn ich hier im Blog ein Buch vorstelle.

Mond über Odessa

„Måneskin i Odessa“ [Originaltitel: Moonlight in Odessa; deutscher Titel: Mond über Odessa] von Janet Skeslien Charles habe ich im Juni in Dänemark im Ausverkauf erworben. Der Klappentext sprach mich total an, aber ich war trotzdem skeptisch. Eine Amerikanerin, die mir was über das Leben in der Ukraine erzählen will…?! Letzlich griff ich trotzdem zu, denn für 39 Kronen konnte man ja nicht viel verkehrt machen.

Welch‘ ein Glück! Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Es wird die Geschichte der 23-jährigen Daria aus Odessa in der Ukraine erzählt. Daria sehnt sich nach dem vermeintlich sicheren und luxuriösen Leben in Amerika und verlässt schlussendlich ihre innig geliebte Heimatstadt Odessa, ihre Oma, ihre geschätzte Arbeit und ihren attraktiven Schwarm (Mafia-Boss Vlad ^^) für einen amerikanischen Trottel, den sie über Ihren Nebenjob in einer Partnervermittlungsagentur zwischen ukrainischen Frauen und amerikanischen Männern kennengelernt hat. Es geht einerseits um Entscheidungen, Männer, Berechnung, Liebe, Sicherheit, Intrigen, verratene Freundschaft, andererseits aber ebenso um Odessa, die Ukraine, ukrainische Kultur, amerikanische Kultur und den Kulturschock.

Mit anderen Worten: Die absolut perfekte Mischung für mich. Ich interessiere mich brennend für andere Kulturen und das Leben in (Post-)Sowjetländern – damit mich ein Roman so richtig fesselt, brauche ich aber auch eine lebendige Erzählung und einen spannenden Plot. Janet Skeslien Charles löst das meiner Meinung nach perfekt. Sie weiß, wovon sie schreibt, hat selbst 2 Jahre in der Ukraine gelebt und für russiche Frauen/amerikanische Männer übersetzt. Mit Daria hat sie eine überaus sympathische Protagonistin geschaffen. Und ihr Schreibstil ist einfach wahnsinnig geschickt und mitreißend.

Vor diesem Buch habe ich von Henning Mankell „Leopardens Öga“ [Das Auge des Leoparden], das über das Leben als Weißer in Schwarzafrika erzählt, gelesen. Auch bei dem Roman hat man deutlich gemerkt, dass Henning Mankell ganz genau weiß, worüber er schreibt. Aber mein Gott – welch‘ langatmiger Handlungsaufbau (!), welcher Pessimismus, welche düstere Stimmung… Ich habe mich regelrecht durchgequält. Bei Moonlight in Odessa war es ganz anders. Hier ist Ernsthaftigkeit und Traurigkeit mit bittersüßem Humor gemischt – Kurzweiligkeit garantiert.

Wenn ihr das Buch noch irgendwo in die Finger bekommt (scheint gar nicht mehr neu verlegt zu werden?), dann schlagt zu.

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

(das Ende fand ich zwar ein wenig seltsam, aber ich will mal nicht so kleinlich sein)

In einer besseren Welt [Hævnen]

Wir haben gestern festgestellt, dass die hiesige Stadtbibliothek eine wirklich große Auswahl an interessanten Filmen bietet, und uns spontan den dänischen Film „In einer besseren Welt“ [Hævnen]“ von Susanne Bier ausgeliehen.

Ich muss vorweg nehmen: Ich liebe das dänische Kino. Während meiner Zeit in Dänemark habe ich mir jede Woche (übrigens kostenlos!) Filme aus der Bibliothek ausgeliehen und so viele Filmabende in meinem Bett abgehalten wie nie zuvor und nie später. Dänische Filme, wie zum Teil auch viele andere schwedische, norwegische und finnische Filme, sind meistens nicht so schrecklich kitschig und lebensfern wie anglosachsische Filme oder langweilig wie französische Filme. Auch deutsche Filme gefallen mir immer seltener, da sie immer platten werden und immer mehr in die amerikanische Richtung abdriften.

Jedenfalls: der gestrige Film war mal wieder ein richtiges Highlight, fesselnd von der ersten Minute bis zum Schluss und so viele Fragen aufwerfend, dass man hinterher noch lange diskutieren kann :). Es geht um große Fragen wie Verantwortung (zum Teil für die eigene Familie versus Arbeiten „für eine bessere Welt“), Rache, Schuld, Vergebung, Liebe… verpackt in einer spannende Geschichte, die in Dänemark und im Darfur spielt, besetzt mit großartigen Schauspielern.

Ja, und wenn ich seit langem wieder den Klang der dänischen Sprache hören darf, bin ich sowieso gleich wieder hin & weg 😛 .